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Monsieur 2CV Suisse

Die Geschichte des Citroën 2CV ist wohl bekannt und oft beschrieben worden - wie er aber in der Schweiz zu Ruhm und Ehren kam, ist eher weniger verbreitet.

 

Ein Mann hatte sehr grossen Anteil daran: Le Monsieur 2CV Suisse, Karl Schori!


Karl Schori hätte das Rad erfunden, er ist genau dieser Typ Mensch:

Intelligent, neugierig, stets hellwach, mit Mut zum Risiko, zäh, technisch hochbegabt und dazu mit Humor und Lebensfreude gesegnet...


Karl Schori musste das Rad nicht mehr erfinden, er musste auch das perfekte Auto nicht mehr erfinden (das hatte die Firma Citröen bereits erledigt) - aber er musste eben diesem Auto den Weg erschliessen, musste es den Mitmenschen erklären und ans Herz legen. Und er hatte durchschlagenden Erfolg, ohne ihn wäre der Siegeszug des 2CV weniger triumphal ausgefallen - und das nicht nur in der Schweiz!


Wer eigentlich Karl Schori ist, was er genau getan hat, und wie es dazu kam, wollen wir im Folgenden aufzeichnen.

Das Leben von Karl Schori lässt sich grob in drei Etappen aufteilen: "Vor dem 2CV/für den 2CV/nach dem 2CV". Der erste und dritte Teil seien hier nur kurz zusammengefasst, sie böten Stoff für ein dickes Buch.

Karl Schori wurde am 15.11.1929 als Sohn eines Gemüsegärtner am Zürichsee geboren.
Dem Wunsch seines Vaters nach einem Nachfolger vermochte er nichts abzugewinnen - er verfiel der Faszination des Fliegens. Mit einer Ausnahmegenehmigung durfte er bereits 1946, im Alter von 17 Jahren, den Pilotenschein machen. Zwei Jahre später (Januar 1948) stürzte er auf einem Flug zwischen St. Moritz und Davos mit einer Piper Cup ab. Wie durch ein Wunder überlebte er die kälteste Nacht des Winters im Wrack, halberfroren fand man ihn endlich nach 24 Stunden (obwohl leichter Schneefall über Nacht die Suche noch erschwerte). Das kostete ihn einige Finger und die weitere Berufs-Pilotenlaufbahn.

Um stattdessen als Kaufmann zu reüssieren, absolvierte er die Handelsschule. In diese Zeit (Oktober 1948) fiel auch eine Stippvisite nach Paris, wo er der Präsentation des 2CV am Autosalon beiwohnte. Noch wusste er allerdings nicht, dass sein Schicksal mit diesem kuriosen Gefährt einmal sehr verbunden sein würde...

Wenige Wochen vor den Diplomprüfungen erkrankte er an Tuberkulose. Der gravierende Gesundheitszustand erforderte eineinhalb Jahre Genesung in einem Sanatorium, wo er viel Zeit hatte, um sich selber weiterzubilden (er verschlang alle Bücher die ihm in die Finger kamen, zu jedem möglichen Wissensgebiet). Danach nahm er erneut den Handelsschulabschluss ins Visier. Mit diesem in der Tasche verbrachte er 1951 einige Monate in Paris, um seine Französischkenntnisse an der Sorbonne zu perfektionieren. Auf seinen Streifzügen durch die pulsierende Stadt prägten sich die bereits zirkulierenden 2CV in sein Gedächtnis.

Zurück in der Schweiz, auf der Suche nach einer Stelle, las Karl Schori die Anzeige der Firma Citroën Schweiz, die einen Verkaufs-Strategen für die Lancierung des 2CV hierzulande brauchte. Er meldete sich und erhielt schon am nächsten Tag einen Anruf: Die Chefetage von Citroën Genf wollte ihn sehen, kam ihn dazu an seinem Wohnort besuchen! Man stelle sich das vor, die hohen Herren bemühten sich zu ihm nach Hause, um einen Eindruck zu gewinnen, statt dass er Zeugnisse einsenden und sich vorstellen gehen musste. Das erste Gespräch war offenbar sehr befriedigend (man war von seinen Ideen angetan), denn bereits am folgenden Tag erhielt er eine Einladung nach Genf für den nächsten Montag. Dort konfrontierte man ihn schnell mit der direkten Frage, ob er die Stelle annehmen wolle. Karl wollte, und auf die Erkundigung, wie er den Verkauf nun anzugehen habe,
erwiderte ihm der Direktor: "Wenn wir das wüssten, hätten wir Sie nicht eingestellt".....
Danach durfte er sich einen persönlichen 2CV aussuchen, zwei Weitere erhielt er als Testwagen für Kauflustige. Mit der Empfehlung, er solle als Erstes eine 'Tour de Suisse' unternehmen, liess man den frischgebackenen Verkaufsleiter auf die Kundschaft los.

5 Tage trieb er nun seinen neuen Gefährten über Landstrassen und Pässe, vom Bodensee bis ins Tessin. Um die Aufmerksamkeit zu steigern, befestigte er am Heck des Wagens eine Tafel mit der Aufschrift: "Ich bin besser als Du denkst! Citroën 2 PS". Das 'PS' änderte er allerdings bald schon wieder in das ursprüngliche '2CV' (in Frankreich für die Motorfahrzeugsteuer massgebend). In einer Zeit, wo das Autofahren Luxus war, die wenigen Automobilisten stattliche Amerikaner mit grossem Hubraum oder italienische Sportflitzer fuhren, waren die kümmerlichen 2 PS eher ein Verkaufshindernis.

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Im Grunde genommen musste Karl Schori nicht nur ein Auto verkaufen, er musste eigentlich einer Nation die Mobilität beibringen.

Die Hauptschwierigkeit bestand darin, dass es schlichtwegs keine Werbemittel gab. In Frankreich war der 2CV bereits sehr gefragt und bei einer täglichen Produktion von 100 Stk. musste man 2 bis 3 Jahre (!) auf einen Neuwagen warten. Darum war der Döschwo auch das einzige Auto, bei dem eine Occasion teurer war als ein Neues. Warum sollte man da also Geld für Werbung ausgeben?
Ausserdem war die Schweiz der erste direkt belieferte Fremdmarkt; Citroën wollte 1950 hier die Marktchancen im Ausland testen (in Belgien begann im Oktober 52 die Fertigung im lokalen Werk Forest bei Brüssel und von da aus wurde ab Dezember 53 auch Holland bedient, in Österreich importierte der Unternehmer Rudolf Smoliner, Wien, auf eigenes Risiko den 2CV, wobei er das franzosische Basisauto mit reichhaltigem Zubehör kräftig aufpeppte). Aufgrund der protektionistischen Automärkte in vielen Ländern war die
Schweiz dafür ideal. Zudem hatte man bei Citroën nicht vergessen, dass 1948, als die Welt mit Spott und Häme auf die Enthüllung dieser "hässlichen Blechbüchse" reagierte, lediglich die Schweizer Auto Revue (in einem Artikel von R.Braunschweig) dem 2CV eine erfolgreiche Zukunft voraussagte.

Schori musste nicht lange überlegen - er griff sofort zu, als er die Möglichkeit hatte, auch mit belgischen 2CV beliefert zu werden. So kamen ab 1955 also die 'Edel'-Döschwo aus Forest in die Schweiz. Sie hatten ja bekanntlich Chromverzierungen und jeweils viel früher als die französischen Modelle modische Farben, eine grössere Heckscheibe, das dritte
Seitenfenster, stärkere Motoren, vorne angeschlagene Türen, Blinker und andere Neuerungen.


Nun bestand das Zielpublikum in der Schweiz sowieso vorwiegend nicht aus der einfachen Landbevölkerung, für die der Wagen in Frankreich eigentlich konzipiert wurde. Karl Schori erkannte instinktiv, wie eine erfolgreiche Werbung funktionieren musste, und entwickelte eine Reihe von zündenden Ideen:

- er entwarf und finanzierte selber Faltprospekte (die Darsteller waren Freunde, Freundinnen und sogar die eigenen Eltern).

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- er sprach aktiv Unternehmen an, die ein Transportmittel wie die Fourgonette dringend brauchen konnten. Und zwar jeweils die Branchenleader, denn nur erfolgreiche Vorbilder waren gute Lockvögel. So verkaufte er den ersten Lieferwagen an Radio Köppel, es folgten die Papeterie Waser, die Metzgerei/Comestibles Bianchi.... In diesem Umfeld zog auch das Argument der Sparsamkeit/Wirtschaftlichkeit (niedrige Steuern und Versicherung, wenig Benzinverbrauch).
- aufgrund der Kundenfrequenz sicherte er sich die Dienste der Coiffeure. Mit Fr. 50.- belohnte er jeden, der durch das Verteilen der Broschüren im Salon und dem Sammeln von Adressen Interessierter zu einem Geschäftsabschluss beitrug.
- er inserierte "gratis Autofahren ohne Fahrausweis". Ende 1954 konnte sich das Publikum in vielen grösseren Gemeinden mit einem 2CV mit Doppelpedalen vergnügen. Die Aktion, von ansässigen Citroën-Garagen mitgetragen, wurde ein toller Erfolg.
- er rief zu einer Sternfahrt anlässlich der Preisverteilung der 1. Schweizer 2CV-Rallye auf, worauf sich am 24.9.1954 mit über 50 Teilnehmern, fast alle in der Schweiz verkauften 2CV auf dem Berner Bundesplatz versammelten (also der 'Urahn' der nationalen Treffen). Der Sieger dieser (von Citroën Schweiz organisierten) Rallye hiess übrigens... Karl Schori. Die Rally wurde ab dann jährlich bis in die Siebzigerjahre ausgetragen, K. Schori avancierte ab 1955 zum verantwortlichen Organisator.

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- im Sommer 1955 drehte er einen 30 Minuten - Werbefilm. Noch heute beeindruckend, zeigt er in schönen Bildern eine Rundreise des Ehepaars Schori durch die Schweizer Landschaft.
- er organisierte Werbefahrten wie z.B. eine Karawane von sechs 2CV (16.5.-7.7.1960), jeder mit einer aufsehenerregenden Fracht beladen. Aus einem wuchs ein Baum, auf ein Dach wurde ein Schiff montiert und aus dem Dritten ragte ein ganzes Klavier (auf dem jeweils während den zahlreichen Stops auf der Route sogar gespielt wurde. Eigentlich bewarb er auch dabei die Sparsamkeit (Slogan "ich fahre billiger"), doch ebenso demonstrierte er die Vielseitigkeit und Robustheit des Wagens.

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- und er nahm schliesslich von 1959 an mindestens 25 Rallyes in aller Welt teil. Dabei erreichte er gute Klassierungen, sogar den einzigen Etappen-Sieg (Rally Akropolis) eines Schweizers und vor allem die Beachtung der internationalen Presse, die mehr über ihn, als über die Stars in ihren Porsche und Alfa berichtete (ob seiner Fahrtechnik und seinem eleganten Stil,verglich man ihn mit dem Skirennfahrer Toni Seiler). Und genau dies war der Sinn seines Tuns. Sogar Citroën bemerkte das, und als Belohnung für seinen Einsatz übernahm die Firma die Spesen, um ihm eine professionellere Teilnahme zu ermöglichen.

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Karl Schori hatte also Erfolg - die Verkaufszahlen stiegen langsam aber stetig!


Privat verhalf ihm der 2CV zu seinem Glück, als er im Herbst 53 bei strömendem Regen in der Umgebung von St.Gallen einer durchnässten Familie die Mitfahrt anbot. Nur die Tochter hatte die Courage einzusteigen, den Anderen war das Gefährt zu suspekt. Der Wagen beeindruckte die junge Dame offenbar so sehr, dass sie nicht nur als Copilotin in der ersten Schweizer 2 CV-Rallye fungierte, sondern auch den Besitzer ehelichte...
Es folgten noch mehr gemeinsame Rallyes, eine Tochter und, bis jetzt, 52 turbulente Ehejahre.
Die Hochzeitsreise ging übrigens an die Côte d‘Azur...natürlich in ihrem Deux Cheveaux.


Die Arbeit von Karl Schori blieb auch der Citroën-Führung in Frankreich nicht verborgen, und der talentierte Werber wurde immer öfter für Einsätze im Ausland engagiert.
Besichtigte zum Beispiel eine deutsche Delegation ein 2 CV-Werk wurde K.Schori als technisch versierter Führer und Dolmetscher geholt. So war er unter anderem auch bei der Eröffnung des Werkes Le Janais 1961 in der Bretagne dabei. Ja, er musste sogar den Zuständigen bei Citroën Frankreich erklären, wie sie die technischen Errungenschaften, diese Glanzstücke der Automobiltechnik, für den potentiellen Käufer in Worte fassen und als Verkaufsargumente benutzen konnten!


In der Schweiz verlagerte sich sein Arbeitsbereich immer mehr von der direkten Kunden-Front zu einem Berater für die Konzessionsgaragen, er wurde zum Drahtzieher hinter den Kulissen. Werbematerial kam unterdessen auch aus Frankreich, wo die berühmte Werbeagentur Delpire dem 2CV ein solides Image verpasste.
Natürlich legte man auch das Schicksal der genialen 'DS/ID' - Modelle in seine Hände. Er hatte zudem die 'Panhard'-Palette in seiner Obhut und für die 'Ami'-Einführung organisierte er von März bis Juli 62 nicht weniger als 18 Werbekarawanen durch alle Regionen der Schweiz und liess sie im Tross der Tour de Suisse die Velorennfahrer begleiten.


Im Laufe der 60er Jahre wehte dem 2CV ein immer schärferer Wind entgegen. Renault hatte mit dem R4 eine starkes Konkurrenzprodukt auf den Markt gebracht, die Dyane wurde als Nachfolgemodell entwickelt, die Produktionszahlen gingen ab 1964 zurück; kurz - die Zeit des 2CV schien endgültig vorbei.
Da geschah 1968 etwas Unvorhergesehenes: In vielen Ländern rebellierten die Jungen, Paris erlebte im Mai die Studentenkrawalle und das Citroën-Werk traf es besonders schlimm: Zerstörungen und Streiks bedingten einen beträchtlichen Produktionsausfall. Doch ausgerechnet der angezählte 2CV profitierte, er erhob sich wie Phoenix aus der Asche, wurde zum Symbol der neuen, 'befreiten' Gesellschaft, zum rollenden Protest der Hippies, Studenten, Intellektuellen und Indivdualisten. Vom Atom- über den Konsum- zum Kriegsgegner spannte sich der Bogen der neuen Benützergruppen.


Eine Entwicklung, die nicht gerade im Sinne von Karl Schori war. Kauften doch diese 'Aussteiger' keine Neuautos, sondern suchten meistens knapp fahrtüchtige Occasionsexemplare, die sie dann stark "personalisierten". Somit waren sie aber nicht nur schlechte Kunden für Citroën, sondern vergraulten mit diesem Image auch noch seriösere
Käuferschichten.


Vielleicht war auch die Enttäuschung über diese Verschandelung "seines Autos" mit Klebern, Sprüchen und poppigen Farben etc. ein Mitgrund, um Citroën zu verlassen. Sicher litt die Familie unter seiner häufigen Abwesenheit (Genf) und eine neue Herausforderung reizte Karl Schori. Am 31.8.69 wechselte er in ähnlicher Funktion zu Audi/NSU (AMAG), 10 Jahre war er nachher als PR-Verantwortlicher bei Chrysler Swiss AG tätig.
Ab 1981 diente er als Pressesprecher bei der NAGRA.
Karl Schori hielt und hält bis heute immer wieder Vorträge vor verschiedenstem Publikum, er ist unter anderem bekannt als Spezialist für
Militärthistorik und Festungsbau.


In all dieser Zeit hielt er dem Deux Cheveux stets die Treue, immer gehörte ein Exemplar zu seinem Wagenpark und, vorausschauend wie er war, reservierte er sich rechtzeitig den letzten in die Schweiz importierten 2CV:
Als im Herbst 1987 der Zulassungsstop für Autos ohne Katalysator hierzulande die einmalige Karriere abrupt beendete (der kleine Boxermotor war leider offenbar nicht wirtschaftlich sinnvoll umrüstbar...), erhielt Karl Schori seinen bordeauxschwarzen "Charlie" (siehe REGISTER), der noch heute in seiner Garage steht. Nur zu ganz besonderen Gelegenheiten in Betrieb genommen, hat er erst knapp 30000 Kilometer auf dem Tacho und sieht aus wie aus dem Katalog.


Ich danke dem Ehepaar Schori herzlich für die interessanten Gespräche und Informationen, und wünsche Ihnen noch viele glückliche gemeinsame Stunden (zusammen mit Ihrem Deux Cheveaux).


Räto Graf im Oktober 2007

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